Erzählt von 

Elisabeth 

Simon

 

Bilder von

Hendrik Jonas

 

Das 

Geheimnis

                     Ein Barbier                                     hatte einen                             kleinen Laden in                        der Stadt. Wenn er                   morgens die Ladentür             öffnete, kamen gleich die        ersten Männer um sich von          ihm  einseifen und rasieren                                        zu lassen.

Mit jedem plauderte er ein wenig und so erfuhr der Barbier alles, was in der Stadt vor sich ging. Den ganzen Tag über seifte er ein, schabte mit dem Rasiermesser über Bartstoppeln,

oder stutzte Schnurbärte und Kopfhaare. Dabei gingen die Neuigkeiten hin und her.

Eines Tages ließ ihn Grigory, ein sehr reicher und mächtiger Herr, in sein Haus rufen. Grigory war in der Stadt bekannt und gefürchtet. Der Barbier warf also seine Schürze in die Ecke, steckte seine Scheren,

Messer und Rasierpinsel in die Tasche und machte sich sofort auf den Weg. Das Haus von Grigory lag weit entfernt und der Barbier musste eine große, eisige und menschenleere Ebene durchqueren. Das war ihm unheimlich und er beeilte sich hindurch zu kommen.

Um die Mittagszeit erreichte er das herrliche Haus des hohen Herrn. Er wurde hereingerufen und gleich erschien der Hausherr. „Du musst mir den Bart rasieren“, befahl er dem Barbier. „Beeile dich und lass kein einziges Härchen stehen!“ „Und was ist mit deinem Kopfhaar?“,

fragte der Barbier, denn die dichten Locken hingen dem Herrn schon ganz wirr ins Gesicht. „Meinetwegen“, sagte Grigory unfreundlich. „Auch die Kopfhaare, aber nur ein wenig, hörst du!“

Schnell und geschickt entfernte der Barbier den Bart und machte sich vorsichtig an die Locken des Herrn. Sachte fuhr er mit dem Kamm durchs Haar, schnitt die Locken über der Stirn ab und wollte nun den Nacken des

Herrn von den Haaren befreien. Als er aber mit seinem Kamm das Haar teilte, stieß er an eine sonderbare Erhebung. Zu Tode erschrocken ließ der Barbier ab und beendete ganz schnell seine Arbeit.

Er wagte es nicht, den Herrn anzuschauen, als dieser ihm

    seinen Lohn auf den Tisch

           warf. „Wenn du jemals

             einer Menschenseele

     sagst, was du auf meinem

                              Kopf gefun-

                                   den hast,

                                 dann gna-

                               de dir Gott,

                             du Elender“,

knurrte Grigory mit drohender

                                    Stimme. 

 

So schnell ihn seine Beine trugen, lief der Barbier zurück.

                                     

Er wusste, dass er schweigen musste, wenn ihm sein Leben lieb war. Was er gesehen hatte, waren zwei Hörnchen am Kopf des Herrn, gerade solche, wie er sie von seinem Ziegenbock kannte. Aber              dass er dieses                           Schreckliche für

    sich behalten musste, erschien ihm ganz und gar unmöglich. Als er nun so durch die winterliche Steppe

                           eilte, entschloss

                           er sich sein

Geheimnis an der einsamsten Stelle dieser Einöde auszusprechen. Bei einer verborgenen Quelle, an deren Seite einige kahle Schilfstängel im Winde raschelten, kniete sich der Barbier nieder. Ganz nahe am Wasser flüsterte er leise aber deutlich:

„Ich sag jetzt nur, was ich so weiß, Grigory hat Hörner wie eine Geiß!“

Nun wurde

dem Barbier

leichter. Er hatte das Böse ausgesprochen. Er konnte es nun in seinem Herzen verschließen und es sollte ihn nie mehr quälen, weder in seinem Laden,

noch am Abend im Wirtshaus mit den Freunden.

Erleichtert

kehrte der

Barbier zurück.

  Wenig später

           kam ein

         wandern-

          der Hirte

           an diese

         Quelle. Er

 schnitt sich ein

    Schilfrohr ab,

um daraus eine

Flöte zu schnit-

    zen. Wie die

           meisten

       Hirten war

       er sehr ge-

   schickt darin

        Flöten zu

       schnitzen.

Bald war sie fertig und hatte sieben Löcher. Der Hirte setzte sie an die Lippen und begann sein Liedchen zu spielen. Doch zu seinem großen Erstaunen hörte er nicht die gewohnten Töne, sondern ganz deutlich

                             diese Worte:

 

„Ich sag

jetzt nur, was

                      ich so weiß,

 

Grigory

hat Hörner

     wie eine Geiß!“

Albanisches Motiv aus: Ismail Kadare, Der Nachfolger, Fischer Verlag 2009

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